Warum ist Vergebung so wichtig?

Vergebung lernen

„The essence of forgiveness is the ability to be resilient when things don’t go the way you want.“Dr. Frederic Luskin

Heute werfen wir einen Blick auf die wissenschaftliche Bedeutung von Kooperation und Zusammenarbeit. Wir stellen uns die Frage, welche Auswirkung es hat, eine Entschuldigung auszusprechen und inwiefern dies wichtig ist für den Prozess der Vergebung. Die Menschen sind eine ultra-soziale Spezies. Wissenschaftler nehmen an, dass Kooperation ein intrinsisches, also angeborenes Verhalten ist. Menschen neigen eher zur Kooperation als zum Konkurrenzkampf, dieser ist vielmehr kulturell angelernt. Dies fängt schon in der Mutter-Kind-Beziehung an. Ganz klar: ein Neugeborenes würde ohne mütterliche Kooperation schlichtweg nicht überleben. Das liegt ja eigentlich auf der Hand. Aber es ist auch wichtig, dass wir uns die Bedeutung von Zusammenhalt und Kooperation ins Bewusstsein rufen.

Kooperation und Neurowissenschaften

Martin Nowak, Biomathematiker der Harvard University geht davon aus, dass Kooperation ein Grundprinzip der Natur ist. Unsere gesamte Gesellschaft beruht auf Kooperation. Kooperation und Zusammenarbeit liegen uns also im Blut. Wir merken es nur manchmal einfach nicht. Der Neurowissenschaftler Jean Decety fand heraus, dass auch unser Gehirn auf Kooperation reagiert, indem es zu erhöhten Aktivitäten im sogenannten orbitofrontalen Kortex kommt. Dieser ist wiederum zuständig für Emotions- und Impulskontrolle, als auch soziale Anpassung. Wir erinnern uns: Die Funktionen des Gehirns haben weitreichende Auswirkungen auf unser allgemeines Wohlbefinden. Vereinfacht ausgedrückt: Kooperation hat eine befriedigende und wohltuende Wirkung.

Peacemaking emerges in the face of conflict

Wie wir alle wissen, gehören aber auch Konflikte zu menschlichen Beziehungen. Unser Leben ist geprägt von Konflikten mit Geschwistern, Eltern, Partnern, Freunden, Staaten, Religionen. Und tatsächlich: Frieden entsteht meist im Konflikt. Auch im Peacemaking sind Kooperation, Entschuldigungen und schließlich Vergebung wichtig, ob nun auf individueller oder struktureller Ebene. Wie schon Elton John schmachtete: „Sorry seems to be the hardest word“. Entschuldigungen gehen manchmal nicht leicht von der Hand. Noch viel schwieriger ist es, wirklich zu vergeben, denn dies passiert auf einer emotionalen Ebene. Dazu später mehr.

Die Wirkung von Entschuldigungen

Eine Entschuldigung hat eine tiefe moralische und ethische Bedeutung. Ein Pionier in der Erforschung von Entschuldigungen ist Dr. Aaron Lazare von der University of Massachusetts. In seinem Buch „On Apology“ zeigt er, dass Entschuldigungen einer der effektivsten Wege ist, um interpersonelle Konflikte zu lösen. Irgendwie ist das ja naheliegend. Spannend dabei ist allerdings, dass Lazare herausfand, dass durch Entschuldigungen positive Emotionen gefördert und negative Emotionen abgebaut werden.

Entschuldigungen fördern Wohlbefinden am Arbeitsplatz

Auch Allison Byrne, eine kanadische Wissenschaflterin, die Entschuldigungen am Arbeitsplatz untersucht, kommt auf ähnliche Ergebnisse. Entschuldigungen fördern die psychologische Gesundheit sowie die positiven Gefühle, jener, die verletzt bzw. beleidigt wurden. Byrne stellte sich natürlich auch die Frage, wie sich Entschuldigungen auf die Personen auswirken, die eine Entschuldigung aussprechen. Dabei stellte sie fest, dass Chefs, die sich ernstgemeint entschuldigen, bei ihrer Belegschaft beliebter sind. Gar nicht mal schlecht, welch positive Auswirkungen wir hier feststellen können.

Entschuldigungen sind der effektivste Weg zur Vergebung

Das Konzept von Vergebung hat in vielen Religionen, darunter auch im Buddhismus, eine wichtige Bedeutung. Jack Kornfield, Psychologe und einer der bekanntesten Vertreter der buddhistischen Lehre im Westen, meint, dass Vergebung nicht bedeutet, dass wir alles, was in der Vergangenheit passiert ist, einfach vergessen. Um zu vergeben, müssen wir auch nicht unbedingt mit der Person, die uns verletzt hat, sprechen. Kornfield zur Folge ist Vergebung ein emotionaler Prozess, der mitunter auch länger dauern kann: „It is a deep process of the heart. In the process you need to honor the betrayal of yourself, or others and the grief, the anger, the hurt, the fear. And it can take a long time.“ Nun kann es auch sein, dass wir es einfach nicht schaffen, einer bestimmten Person zu vergeben. Jahrzehnte lange Forschungen legen allerdings nahe, dass der Prozess anderen, aber auch sich selbst zu vergeben, persönlichen Stress und Leid reduzieren.

Vergebung ist ein komplexer kognitiver und emotionaler Zustand

Eine der ersten Studien, die sich mit der psychischen Auswirkung von Vergebung beschäftigen, stammt von Charlotte Witvliet, Professorin für Psychologie am Hope College, Michigan, aus dem Jahr 2001. Die Teilnehmer der Studie wurden aufgefordert an eine Person zu denken, mit der sie einen Konflikt hatten und gegen die sie einen Groll hegen. In weiterer Folge wurden sie angeleitet den Groll gegen diese Person aufrechtzuerhalten. Im nächsten Schritt wurden sie nun darum gebeten, den Groll loszulassen und zu vergeben. Dabei kam Folgendes heraus: Groll hegen führte zu erhöhter Kampf-Flucht-Reaktion, erhöhter Herzfrequenz und ähnlichem. Vergebung hingegen reduzierte die Kampf-Flucht-Reaktion und den Stress. Eine weitere Studie, legt nahe, dass wir uns am Tag nachdem wir vergeben haben, besser fühlen (Bono, et al., 2007).

Glücksübung Nr. 4: Vergebung lernen

Die Glücksübung Nr. 4 beruht auf der Arbeit von Robert Enright von der University of Wisconsin, Madison. Ihm zur Folge kann alleine schon die Erinnernungen an unschöne Erlebnisse aus der Vergangenheit, immer wieder negative Gefühle hervorrufen. Daher ist es so wichtig loszulassen und zu vergeben. Eine Möglichkeit einen Vergebungsprozess selbst auszupobieren möchte ich hier vorstellen:

  1. Schreib eine Liste mit den Namen jener Personen, die dich verletzt haben. Denen du bis jetzt nicht vergeben konntest. Wähle erst einmal eine Person aus und übe den Vergebungsprozess.
  2. Erinnere dich daran, was dir die Person angetan hat. Stelle dir die Frage: Welchen psychischen und physischen Schaden habe ich dadurch erlebt? Wie hat dies meine Einstellung und Sichtweise auf Leben, Menschen und Vertrauen in andere Menschen beeinflusst?
  3. Wenn du bereit bist, entscheide dich bewusst dazu, zu vergeben. Frage dich selbst: bin ich dazu bereit, bewusst den Groll und die Wut, die ich dieser Person gegenüber empfinde loszulassen und zu vergeben? Und ihr stattdessen Respekt, Großzügigkeit und/oder gar Liebe entgegenzubringen? Dies ist der wichtigste Punkt im Vergebungsprozess. Nimm dir also Zeit dafür. Wenn du bereit bist weiterzugehen, dann probiere auch die nächsten Schritte:
  4. Versuche eine kognitive Übung: Wie ist es der Person, die mich verletzt hat, in der Kindheit gegangen? Was hat die Person zur Zeit der Verletzung selbst beschäftigt? Das soll keine Entschuldigung sein, sondern vielmehr geht es darum den vermeintlichen Schmerz der anderen Person nachvollziehbar zu machen. Dadurch wird sie menschlich.
  5. Achte auf jede Regung in deinem Herzen. Vielleicht werden deine Gefühle dieser Person gegenüber etwas leichter und weicher? Vielleicht brauchst du auch noch Zeit. Vergiss nicht: es ist ein Prozess. Du kannst die Übung auch mehrmals wiederholen.
  6. Versuche, den Schmerz, der dir zugefügt wurde, ganz bewusst zu erleben. Verdränge nicht und projiziere nicht, auf andere Personen.
  7. Mache dir folgendes bewusst: Vergebung ist ein Akt der Gnade. Du bringst jemanden Güte entgegen, der dich selbst schlecht behandelt hat. Wie fühlt sich das an?
  8. Versuche diesem Vergebungsprozess eine Bedeutung zu geben. Was hat sich dadurch für dich verändert?

Quelle und Inspiration:
Alle Übungen sind inspiriert durch den Kurs „Science of Happiness“ 
organisiert vom Greater Good Science Center der UC Berkeley

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